PRESSESTIMMEN

Musica Mundi Frankfurt eV

PRESSESTIMMEN

Salsa gegen KINO-HITS den Winterblues
„Classic Meets Cuba“ in der Alten Oper
Von Sebastian Krämer (Offenbach-Post)
FRANKFURT: Kenner und Laien denken bei klassischen Konzerten üblicherweise an Musiker, die Partituren folgen, während das Publikum ehrfurchtsvoll lauscht. Salsa klingt hingegen nach leicht bekleideten Damen, die zu mitreißenden Rhythmen tanzen und wildem Publikum. Die Klazz-Brothers & Cuba Percussion sowie ihr Special Guest Roglit Ishay versuchten in der Alten Oper, beides zu verbinden. Die ersten Minuten ihres aktuellen Programms „Classic Meets Cuba“ gestalteten sich eher konservativ.

Ishay, die künstlerische Leiterin von Musica Mundi, eröffnete das Konzert mit Schumanns Kinderszenen op. 15: No.1 „Von fremden Menschen“ und bot das Stück mit einem nuancierten Anschlag und viel Feingefühl dar. Doch als sich Bruno Böhmer Camacho und Kilian Förster in weißen Anzügen auf die Bühne schlichen, war klar, dieses Stück würde untypisch enden. Es folgte ein pianistisches Wechselspiel zwischen Böhmer Camacho und Ishay.

Schon hier stach Förster mit einem vollen Kontrabasston heraus. Insbesondere bei Vittorio Montis Csárdás ähnelte sein Hochtempospiel einem startenden Düsenjet, während seine Finger elegant wie russische Balletttänzerinnen über das Griffbrett seines Instrumentes tänzelten.

Etwas weniger virtuos, aber ebenfalls überzeugend war der kolumbianische Pianist Böhmer Camacho, der vor allem ein gutes Händchen für die Jazz-Arrangements bewies. Dabei dienten die zahlreichen jazzigen Anklänge häufig als Bindeglied zwischen klassischen Strukturen und bekannten Themen sowie den lateinamerikanischen Improvisationen. Doch was wäre kubanische Musik ohne Percussion? Mit Tim Hahn (Drums), Alexis Herrera Estevez sowie Elio Rodriguez Luis (beide Percussion) verfügte das Ensemble über eine äußerst dynamische Rhythmusgruppe.

Dass am Ende alle im Saal mittanzten, bewies nur noch einmal: Klassik und Jazz, das passt.

Beim Mambo gerät Beethoven in Ekstase

Das Crossover-Projekt „Klazz Brothers & Cuba Percussion“ präsentierte das unterhaltsame Programm „Christmas Flair“ in der Alten Oper. (Frankfurter Neue Presse)

Auch wenn im Freien noch nichts zu sehen ist – im Mozart-Saal rieselt leise der Schnee und zwar auf musikalisch ganz besondere Art. Das seit 16 Jahren erfolgreiche Projekt „Classic meets Cuba“ spielte sein jahreszeitgemäßes Programm und kombinierte konzertant geschickt weltbekannte Weihnachtsmelodien wie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ mit sinnlichen kubanischen Rhythmen und coolen Jazz-Harmonien und -Improvisationen.

Da funktionierte zum Erstaunen der begeisterten Zuhörer etwa „Kling Göckchen“, angereichert um schweißtreibende Salsagrooves und typische Salsa-Blockakkorde, bestens. Wobei schnell klar ist, dass die Musiker so gar nichts mit heimeliger Weihnachtsstimmung gemein haben. Bizets „Carmen Cubana“ etwa bringt andalusisches Feuer mit ins Klangfarbenspiel. Faszinierend, wie sich hinter dem lässig zur Schau gestellten Gestus jazziger Interpretationen hochkomplexe musikalische Strukturen verbergen, aus denen die Band eigene unkonventionelle Klangwelten kreiert. Das ist Musik ohne Grenzen und Dogmen, mit hohem künstlerischen Anspruch souverän verbunden.

Zu Gast diesmal die israelische Klassik- und Jazzpianistin Roglit Ishay, deren Anschlagskultur man bewundern muss. Mal aufbrausendvolltönend, mal lyrisch-subtil spielte sie in die Herzen der Zuhörer, mit Robert Schumanns „Kinderszenen“ und Liszts „Soireées de Vienne Vals-Caprice No. 6“ solo den Abend klangschön bereichernd. Werke von Astor Piazzolla, Tschaikowsky und Beethoven (4. Symphonie als Mambo-Paraphrase) als Zugabe schaffen in der „Klazz“-Lesart aus dem Erbe der klassischen europäischen Musiktradition in Verbindung mit kubanischem Temperament ein Klangbild, das in Solo-, Duo- und Triobesetzungen Klarheit, Stolz und Anmut ausstrahlt. Bei aller Virtuosität und echnischer Brillanz hat der Auftritt des Ensembles, bei dem auch das Publikum eingebunden wird, großen Unterhaltungswert.

jsc

Frankfurter Rundschau, 09.12.2009

– Darwisch-Quintett trifft Orlowsky-Trio –

Die Könner mit dem ruhigen Knie

von Gerd Döring

Mit mehr als einem Fuß im Orient steht das Quintett von Basem Darwisch, der seine arabische Laute nicht nur in klassischer Manier beherrscht, sondern auch ausgesprochen jazzig improvisieren kann. Neben dem aus Ägypten stammenden Oud-Virtuosen sitzen zwei nicht minder fingerfertige Musiker: Hossam Shaker, der noch im wildesten Spiel seine Kanoun (Zither) souverän auf den Knien balanciert, und Mohammad Zaki, ein phänomenaler Percussionist, der mit minimalem Aufwand und unglaublich großem Effekt zwischen Trommel und Rahmentrommel wechselt. Das Quintett vervollständigen Rageed William (Nay) und Youssef Nadim (Geige), und gemeinsam entwickeln sie fein ziselierte Stücke, die Shaker und Darwisch aus orientalischen Vorlagen entwickelt haben.

Das Gegenstück beim Konzert auf der Bühne des Mozartsaals ist David Orlowsky, einer der erfolgreichsten Schüler von Giora Feidman. Der junge Klarinettist ist längst selbst ein Star der Szene. Gitarre in seinem Trio spielt seit ein paar Jahren Jens-Uwe Popp, den man auch als Mitglied im Feidman-Trio kennt. Ein agiler Könner, der sich gut in das Wechselspiel von Klarinette und Kontrabass einfügt. Im Laufe der Jahre ist aus „David Orlowsky´s Klezmorim“ das „David Orlowsky Trio“ geworden, aber dem Klezmer abgeschworen haben er, Popp und Florian Dohrmann keineswegs.

Das zeigt schon der Einstieg: „Nessia“ von Jens-Uwe Popp und die beiden folgenden Stücke aus der Feder Orlowskys sind sehr nahe am Vorbild Feidman. Dass man auch mit komplexeren Themen und Klängen keine Probleme hat, das zeigt sich, wenn die beiden Gruppen fusionieren und improvisieren, etwa in „Siwa Ghoric“ von Basem Darwisch oder einem wilden „Arabischen Tanz“.

Zwischen ihnen sitzt, quasi als Klammer und Mittlerin, die Pianistin Roglit Ishay, deren Klavierspiel sich fein einfügt in das quirlige Miteinander. Nebenbei und mit sanfter Hand streut sie Miniaturen aus dem Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy ins Programm ein und kann mit dem Verlauf des Abends sehr zufrieden sein – ist sie doch auch musikalische Leiterin des Musica-Mundi-Projektes.

Main-ECHO

Klassik und Klezmer: David Orlowsky und Basem Darwisch reißen in der Alten Oper die Zuschauer von den Sitzen

Bettina Boyens

FRANKFURT. Was mit Mendelssohns kultivierter Klavierromantik beginnt, gewinnt im Laufe des knapp dreistündigen Abends zunehmend an Fahrt und endet in einem furiosen, instrumentalen Tanz der Derwische. Musica Mundi hatte zu einer pikanten, musikalischen Grenzüberschreitung in die Alte Oper Frankfurt geladen: Das David Orlowsky Trio musizierte gemeinsam mit Basem Darwisch und seinem ägyptischen Ensemble. Als klassisches Bindeglied fungierte Roglit Ishay, künstlerische Leitung von Musica Mundi in Frankfurt und Pianistin in Personalunion. Es war für die Zuschauer des ausverkauften Mozart-Saals fesselnd mitzuerleben, wie die beiden exzellenten Musikergruppen Takt für Takt die vorsichtige Annäherung wagten. Anfänglich musizierte jede Truppe artig in abwechselnder Reihenfolge für sich, die jeweils Pausierenden hörten nur höflich zu. Nach einem eher kühlen Mendelssohn Andante gehört die Eröffnung dem jungen Klarinettisten und Echo-Gewinner David Orlowsky.

In den selbstkomponierten Stücken »Nessiah« und »Le Tigre« erreicht sein Spiel eine unfassbare Spannbreite in der Ausdrucksfähigkeit. Voller Lebensfreude stürzt er sich in den ursprünglichen, tänzerischen Klezmer, schraubt lustvoll rotzig die musikalischen Attacken hoch, dann wieder scheint er nachdenklich zu philosophieren oder schwermütigen Gedanken nachzuhängen. Kontrabassist Florian Dohrmann sorgt dazu für zurückhaltende Jazz-Rhythmen und ein leidenschaftlicher Jens-Uwe Popp an der Akustischen für treibende Gitarrenklänge. Dass Orlowsky als einstiger Giora-Feidmann-Schüler mit seinen 28 Jahren schon lange eigene grenzüberschreitende Wege jenseits der traditionellen Klezmer-Musik geht, verbindet ihn mit seinem ägyptischen Kollegen Basem Darwisch. Der berühmte Oud-Spieler und Komponist Darwisch lebt seit 20 Jahren in Deutschland und versucht seither, ägyptisch-traditionelle Musik und Jazz zu verbinden.

Dass bereits Bach für sein Instrument, das »arabische Holz« oder auch Ur-Gitarre genannt, Werke schrieb, wissen nur wenige. Mit seinem warmherzigen Mitstreiter Hossem Shaker am Kanoun (einem Hackbrett-ähnlichen Instrument), der verträumt hauchigen Nay-Holzflöte und einem in sich ruhenden Youssef Nadim an der Violine zieht er Rhythmus und Dynamik stetig und nervenaufreibend an. Das musikalische Crossing Borders an diesem Abend beginnt mit sanftem Zunicken und zaghaften Vorstößen des Unbefangensten aller neun Musiker. Der junge Orlowsky ist es, der mit seiner sprechenden Klarinette die arabische Seite der Bühne richtiggehend in einen Dialog verwickelt. Immer wieder löst er sich von seinen Trio-Freunden, überschreitet eine auf der Bühne verlaufende, unsichtbare Grenze, und stellt sich auffordernd zum Kanoun-Spieler der Ägypter. Kurz vor der Pause ist es dann soweit: In einem furiosen Derwisch-Tanz finden sich endlich sämtliche Instrumentalisten leidenschaftlich zusammen.

Alle neun Künstler einschließlich der Pianistin improvisieren jetzt zu dieser ergreifend entrückten Urmelodie.